Cronos Cube

Die Angst vorm weißen Blatt

Apr
23

Die italienische Bar war zur späten Stunde noch gut besucht: Hannah und ich mussten die Stimmen heben, um uns über die Geräuschkulisse hinweg zu verstehen. Wir hatten unsere Getränke jeweils dreimal nachbestellt, sie einen Crodino, ich einen Lillet, aus dem ich mit einem Teelöffel die halbgefrorenen Beeren naschte. Jetzt lag nach zwei Stunden angeregter Unterhaltung Aufbruchstimmung in der Luft.

Ich hatte mir meine Frage für den Schluss aufgehoben, weil ich das damit angeschnittene Thema nicht vertiefen wollte. Obwohl ich die Denkanstöße meiner Freundin sehr zu schätzen wusste, bedrückte mich das Gefühl, dass ich ihr damit ein bisschen zu oft auf die Nerven ging. 

„Weißt du“, begann ich, um die kurze Zeitspanne zwischen der Rechnung und dem Griff zu den Mänteln zu nutzen, „demnächst soll mein Autorenblog online gehen. Ich habe dazu eine Umfrage auf Twitter durchgeführt, und dabei kam heraus, dass sich die meisten als erstes einen Artikel zum Schreibprozess wünschen. Und, na ja, ich hab’s versucht, aber ich krieg’s nicht hin – ich finde keinen Anfang.“

Ich weiß nicht, ob es Hannah bewusst ist, aber sie hat ein vollendetes Pokerface. Möglicherweise ist sie einfach so ein Mensch – wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich diese Miene in ihren anderthalb Jahrzehnten als Journalistin antrainiert hat. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, wann sie ernst, wann interessiert und wann genervt ist, und wahrscheinlich liege ich immer noch oft genug falsch. Jetzt wirkte sie konzentriert.

„Wenn du einen Artikel über meinen Schreibprozess lesen würdest“, fuhr ich fort, „was würdest du dann von dem Text erwarten? Würdest du eher lesen wollen, wie ich mit mir selbst gerungen oder welche Techniken ich beim Schreiben angewandt habe?“

Sie musste nicht lange nachdenken. „Mich würden die Techniken interessieren, mit denen du dich selbst überlistet hast. Zum Beispiel: Wie bist du mit der Angst vor dem leeren Blatt umgegangen?“

Für diese klugen Antworten schätze ich Hannah. Ein Türchen öffnete sich in meinem Kopf; ich hatte plötzlich den Anfang eines Fadens in der Hand. „Ich habe diese Angst vor dem weißen Blatt eigentlich nicht.“ Aber ich begriff, wieso sie darauf zu sprechen kam: Die Angst vor dem weißen Blatt Papier ist ein Thema, das viele junge Autoren beschäftigt. Mir war das aus reiner Betriebsblindheit nicht in den Sinn gekommen.

Wie konnte ich vergessen, wie es ist, Angst vor dem weißen Blatt zu haben? Erinnerungen an ganz andere Zeiten stiegen mir ins Gedächtnis, Zeiten, in denen der Cursor von einer starrend weißen Seite auf mich herabblinkte oder der Stift dem Papier nie näherkommen wollte als einen Zentimeter voll stumpfer Gedanken. Wann hatte mich dieser frustrierende Zustand verlassen? War es fünf oder doch schon zehn Jahre her? Zehn Jahre wären schmeichelhaft, aber damals war ich 20 Jahre alt und ließ meine Manuskripte manchmal wochenlang liegen, bis ich endlich kapierte, dass ich wegen einer Ungereimtheit im vorhergehenden Textteil innerlich blockierte. Eine Arbeitsweise, die auf mangelnder Planung beruhte; ich schrieb oft nach dem Prinzip „Mal sehen, was mir heute einfällt“, womit ich mich heute zum Glück nicht mehr identifizieren kann.

Aber das ist es nicht, was die Angst vertrieben hat.

Sondern die Routine.

Mit 23 Jahren kam ich als Praktikantin zur Süddeutschen Zeitung, die ich seither nicht mehr verlassen habe. In den ersten Jahren jobbte ich als Zeilenschreiberin, ich bekam also für jede gedruckte Zeile einen bestimmten Betrag. Diese Zeilen schrieb ich daheim, und das bedeutete: Ich hatte einen Text zu liefern, pünktlich, und es interessierte wirklich niemanden, ob ich gerade eine Schreibblockade hatte oder nicht. Der Artikel hatte vor Andruck vorzuliegen. Oft genug schob ich es vor mir her, mit einem Text zu beginnen, ich starrte auf leere Seiten, schindete Zeit mit kleinen Wutanfällen, schrieb manchmal eine Stunde lang meinen Einstieg um und war dann frustriert über meine Unproduktivität. Und wenn der Text endlich zu meiner eigenen Zufriedenheit vollendet war, rief auch noch die Redaktion an, um mir wegen sprachlicher Schnitzer, falsch geschriebener Namen und struktureller Mängel den Kopf zu waschen.

Ich bin froh, dass meine Kollegen das getan haben, denn nur so konnte ich mich weiterentwickeln und im Jahr 2013 eine Stelle als Pauschalistin ergattern. Fortan bekam ich monatlich ein festes Honorar auf mein Konto, ich hatte meinen eigenen Schreibtisch in der Redaktion, wurde im Layouten geschult, redigierte Texte anderer Kollegen, übernahm später tageweise die Leitung der Produktion. Vor allem aber schrieb ich von da an jeden Tag mindestens einen, meistens mehrere Artikel, die ich oft genug kurz vorher erst recherchieren musste, wenn ihnen nicht ein Abendtermin vorausgegangen war. Die Momente, in denen ich stundenlang einen Einstieg umschrieb oder erst gar keinen Anfang fand, wurden weniger – es stellte sich endgültig die kühle Routine ein.

Bis heute habe ich rund 1000 Artikel geschrieben. Es wäre eigenartig, wenn ich noch Angst vorm weißen Blatt hätte.

Aber nicht jeder junge Autor kann mal kurz bei der Tageszeitung anfangen (auch wenn ich es am liebsten jedem raten würde – man lernt so vieles, man lernt einfach alles). Das muss aber auch gar nicht sein. Denn Routine kann man sich auch ganz einfach daheim beibringen.

„Wenn ich an einem Buch schreibe, dann bedeutet das, dass ich jeden Tag schreibe“, sagte ich in der italienischen Bar zu meiner Freundin. „Und ich meine damit: jeden Tag. Ob ich Lust habe oder nicht. Oft genug kommt die Lust dann ohnehin beim Schreiben.“

Das war nichts, was ich ihr erklären musste: Als wir uns kennenlernten, hatte sie gerade ihren 6000. Artikel gefeiert. Aber manchmal muss ich Gedanken aussprechen, um sie zu ordnen.

„Wenn man sich dazu bringen kann, jeden Tag zu schreiben, komme was wolle, dann baut man eine Beziehung zu seinem Text auf, die man sich vorher gar nicht vorstellen kann. Es dauert vielleicht zwei, drei Wochen, aber dann gerät man in diesen Zustand, in dem man vollkommen drin ist. Man erlebt das, was man schreibt, intensiver. Es kann gar nicht zu einem Konflikt mit der weißen Seite kommen. Vorausgesetzt, man hat sich einen Plan gemacht, aber das ist ein anders Thema.

Wer Routine hat, beherrscht die Grundlagen. Wenn du dich zu lange damit aufhältst, dich zu fragen, wie du etwas schreibst, hast du zu wenig Zeit für das, was du eigentlich erzählen willst. Es kann erst richtig losgehen, wenn du dich nicht mehr mit Formulierungen aufhältst, und das kann erst passieren, wenn du dich sprachlich sicher fühlst, und diese Sicherheit baut auf nichts Anderem als der gepredigten Routine. Abgesehen davon, dass du hinterher eh alles noch überarbeiten wirst …“

„Und genau das würde ich in den Artikel schreiben“, sagte Hannah.

Wir verabschiedeten uns auf dem Parkplatz vor dem Lokal, sie stieg ins Auto, ich ging zu Fuß nach Hause. Während meines kurzen Spaziergangs die Straße hinauf kam mir ein neuer Gedanke, der mich kurz stutzen ließ. Ich hatte zwar keine Angst vor dem weißen Blatt. Aber bedeutete das auch, dass ich keine Startschwierigkeiten hatte? Nein, denn sonst hätte sich dieser Blogartikel ja von ganz allein geschrieben. Das war aber nicht der Fall gewesen. Weil ich keinen Anfang gefunden hatte – und das aus einem ganz einfachen Grund. Ich hatte zu viele Gedanken im Kopf, zu vieles wollte sofort geschrieben werden, mir fehlte ein Faden. Diesen Faden hatte ich nun gefunden, durch ein kurzes Gespräch mit einer guten Freundin. Eine schönere Lösung kann es doch gar nicht geben.

8 Responses to Die Angst vorm weißen Blatt

  1. Glückwunsch zu deinem ersten Blogeintrag!
    Ich bin jetzt schon ein Fan😊
    Würde mich ja interessieren wie du dir vor dem schreiben einen Plan machst…;)

  2. Hallo Melanie, vielen Dank! 🙂
    Ich werde noch einen Artikel über das Planen schreiben. Steht auf der Liste.

  3. Schöner Text. Und schön, dass es nicht nur mir beim Schreiben so geht. Bei mir ist da auch meist ein Wust von Ideen und Geschichten, der geordnet werden will. Da lob ich mir dann Twitter mit seiner Zeichenbegrenzung, die dann die Aussage aufs Wesentlichste reduziert. Aber man erzählt eben auch gern 🙂

    Mach auf jeden Fall weiter so :). Ich war ja vor deinem Blog schon Fan 🙂

    • Twitter kann einem möglicherweise dabei helfen, zu lernen, die eigenen Gedanken auf den Punkt zu bringen. Ich würde es an deiner Stelle einfach mal im Auge behalten und ggf. überprüfen. Es freut mich, dass du dich in meinem Artikel wiedergefunden hast. 🙂 Frohes Schaffen!

  4. Ein wunderbarer Anfang, finde ich!

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