Cronos Cube

Schreibtypen

Mai
18

Dinge neigen zum Veröden, wenn man sie zu genau plant. Zumindest wenn man der flexible Typ ist, der besser fährt, wenn er sich alle Routen offen hält. Wir haben neulich in der Uni über Schreibtypen gesprochen; das ist sinnvoll für junge Studenten, von denen die meisten noch nie wesentlich mehr geschrieben haben als Aufsätze und eine Seminararbeit. Aber auch mir eröffnete sich nach so vielen Jahren noch eine neue Welt, und ich beginne mein eigenes Schreiben wieder einmal mit neuen Augen zu sehen. Es ist gut zu wissen, dass der Prozess weiterhin lebt. Ich bin erst 30; es ist noch viel zu früh für zementierte Ansichten. 

Was ist nun also, wenn man eher der Typ ist, der in jeder Hinsicht flexibel bleiben will, vielleicht sogar bleiben muss, weil die kreative Quelle sonst nicht so recht sprudeln will – was ist, wenn man dieser Ölmaler-Typ ist, sich aber aufgrund irgendwelcher Ideale dazu zwingt vorzugehen wie ein Aquarellmaler oder ein Architekt oder gar wie ein Maurer? So nämlich heißen vier der fünf Typen, die wir in der Uni besprochen haben; der fünfte ist der Zeichner, der dem Ölmaler näher ist als die anderen drei. (Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben, aber jetzt betrachte ich diesen Text als Experiment – vielleicht lasse ich einfach mal raus, was raus will, es darf heute mal nicht zu durchdacht sein.)

Unser Professor ließ uns einen kleinen Selbsttest ausfüllen, den ich hier als PDF-Download auf der Internetseite der Technischen Hochschule Nürnberg wiedergefunden habe. Schaut ihn euch ruhig mal an, er ist sehr interessant! Man wird mit einer ganzen Reihe von Aussagen konfrontiert und muss ankreuzen, was stimmt, zum Beispiel „Ich plane meinen Text vollständig im Kopf“ oder „Ich erstelle nie eine schriftliche Gliederung“. Otto Kruse erläutert die fünf Schreibtypen in seinem Buch „Keine Angst vorm leeren Blatt. Ohne Schreibblockade durchs Studium“. Obwohl das Buch für Studenten geschrieben wurde, finde ich, dass sich die Schreibtypen durchaus auch auf Schriftsteller anwenden lassen. Wobei man die Grenzen natürlich nicht zu eng ziehen darf. Jeder ist von allem etwas.

Knapp zusammengefasst: Der Aquarellmaler kann nur schlecht korrigieren, wenn er sich vermalt, folglich wird ein Autor vom Typ „Aquarellmaler“ vorher die perfekte Planung hinlegen und dann in einem Rutsch eine fertige Arbeit verfassen. Der Architekt ist ganz ähnlich, wobei für ihn charakteristisch ist, dass er den ganzen Text auf einem Blatt Papier vorstrukturiert. Der Maurer hat einen Tunnelblick auf den Abschnitt, an dem er gerade arbeitet, und verliert schnell den Gesamtüberblick. Der Zeichner hat auch einen Plan, durch den er sich von den einfachen zu den schweren Stellen seines Texts vorarbeiten kann, ohne dabei chronologisch vorzugehen. Der Ölmaler ist der einzige, der auch dann an die Arbeit geht, wenn er keinen Plan hat, der sich beim Schreiben erst einen Plan macht und entsprechend oft das bereits Geschriebene überarbeitet. Das Besondere an der Ölmalerei ist, dass jedes Bild noch hundertmal übermalt werden kann. Es kann in jedem Stadium seines Entstehungsprozesses immer noch etwas komplett Anderes werden. Ihr merkt, ich liebe den Ölmaler. Ich bin einer.

Das ist absurd nach allem, was ich bislang über meine Schreiberei gedacht und gemeint habe. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich das Ergebnis in der Hand hielt. Nachdem ich mir aber die Definitionen aller anderen Typen durchgelesen hatte, musste ich ein Eingeständnis machen. Klar halte ich viel von einer guten Planung. Aber ich habe auch immer gewusst, dass ich nicht jedes Rädchen festlegen kann, bevor ich die ersten Seiten geschrieben habe. Manche Rädchen ergeben sich im Schreibprozess. Oft habe ich mich selbst runtergemacht: „Kannst du denn nicht mal ordentlich planen, war ja klar, dass du dies und das übersiehst, streng dich mal mehr an!“

Es ist befreiend, mir eingestehen zu dürfen, dass ich kein Aquarellmaler bin. Den Uhrwerkanspruch habe ich zwar immer noch, aber es ist ein wenig Feinjustierung bei der Vorgehensweise angebracht. Ich entspanne mich dann mal; auch wenn es um diesen Blog geht. Denn der Gedanke, dass der nächste Artikel – so war es geplant – von meiner Recherchereise handeln müsse, drohte diese Autorenseite veröden zu lassen. Das soll nicht passieren. Ich schreibe schon noch über Irland. Aber erst, wenn es nach draußen drängt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.