Cronos Cube

Glücklichsein

Jun
06

„Du sitzt ja immer noch hier!“, sagt der Junge mit dem Hoverboard. Er war vorhin schon mal da: Wir haben Schach, Mensch-ärgere-dich-nicht und Mikado gespielt, dann ist er nach Hause gefahren, um zu Mittag zu essen, und jetzt ist er mit seiner nanna zurückgekehrt. Sie setzt sich an ihren Stammplatz, er saust auf dem Hoverboard davon. Das italienische Café gehört seinen Eltern. Und ich gehöre seit vier Stunden zum Inventar. Endlich mal wieder.

Abzüglich der Stunde, in der mich der Drittklässler im Schach und in allen anderen Spielen mühelos geschlagen hat, brüte ich seit drei Stunden über meinen Servietten. Die Bedienung hat mir ihren Kugelschreiber geliehen; so weit ist es schon gekommen mit mir und dem Stress: Ich gehe ohne Kugelschreiber aus dem Haus. Und ohne Papier. Weil obendrein der Akku des Surface‘ leer ist, wie ich erst im Café bemerkt habe, bin ich auf Servietten ausgewichen. Sie füllen sich praktisch von allein. Ich bin wie eine Insel in der Zeit. Ich merke nichts mehr.

Es ist der 2. Juni, sechs Tage nach der Veröffentlichung meines Debütromans durch den Liesmich Verlag, und die Welt hat sich kaum verändert. Nur ein Detail ist anders: Die Woche ist ohne Migräne verstrichen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ein Zug raste auf mich zu, das Release-Wochenende ist passabel über die Bühne gegangen, ich kann nachts wieder schlafen und auf Amazon gibt es bereits vier Top-Bewertungen für Cronos Cube. Ein paar Tage habe ich gebraucht, um zu verinnerlichen, dass der Trubel vorbei ist und sich die Welt ganz normal weiterdreht. Heute merke ich, dass sie sich ein bisschen zu normal weiterdreht.

Ich denke immer wieder zurück an die Zeit, als die Veröffentlichung für mich noch ein unerreichbarer Traum war. Das Dasein als veröffentlichte Autorin hatte ich mir in schillernden Farben ausgemalt: Ich meinte genau zu wissen, wie erhaben es sich anfühlen würde, dann in einem Café sitzend an einem neuen Buch zu schreiben. Wie fliegen würde es sein. Pures Glück. Selbstvertrauen. Am-Ziel-angekommen-sein. Und jetzt? Nun bin ich veröffentlicht, und nun sitze ich in meinem Lieblingscafé und arbeite an einem neuen Buch. Wie fühlt es sich an? Ist es eine Glücksexplosion?

Nein.

Es fühlt sich so gewöhnlich an, dass ich mich frage, ob etwas mit mir nicht stimmt. Mein Herz müsste doch in einem Feuerwerk aufgehen! Durch mein Gehirn müssten die Glückshormone rauschen! Doch ich bin nur froh darüber, dass etwas in mir heute umgeschaltet hat. Von Stress auf Schreiben. Es ist wie Hungerhaben. Die Aufregung hatte mir den Hunger genommen; ich wusste, ich musste schreiben, so wie man essen muss, aber ich fühlte es nicht, ich hatte keinen Hunger. Die vergangenen Monate waren eine einzige lange Panikattacke, ein Gefühls- und Gedankensturm.

Jetzt fühle ich das Glück.Das Glück ist nicht, auf einer Bühne zu sitzen, sich feiern zu lassen oder sich als Schriftsteller zu profilieren. Das sind Jugendträume, die mit dem Schreiben nichts zu tun haben. Das ganze Glück sind ein Stammcafé und eine Serviette und ein Kugelschreiber. Das ganze Glück ist, im Kopf in der eigenen Welt zu sein und die Ereignisse zu ordnen, die winzigen Zahnrädchen ineinander zu schieben, die Figuren zu erforschen und zu begreifen. Und ab und zu ist es auch Glück, zu erleben, wie Leser diese Welt betreten und ein bisschen da bleiben.

Im Glück verliert Zeit an Bedeutung. Ich bestelle noch einen Kaffee.

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