Kapitel Zwei

Eine Woche zuvor hatte Eamon zwei Dinge hinter sich gebracht, die er am meisten hasste: einen Friseurbesuch und die Weihnachtsfeier mit seiner Familie.

Dublin war kurz vor Heiligabend von Schnee überrascht worden und versank im Chaos. Geschneit hatte es seit sieben Jahren nicht mehr in Irland, schon gar nicht in diesen Massen; während Autos und Trams die Straßen verstopften und genervte Pendler mit anhaltendem Gehupe gegen den Schneefall protestierten, feierte Kanzlerin Una Kelly im Áras an Uachtaráin, dem Präsidentenpalast, die einjährige Einführung der Überwachungsdrohnen. Die fielen in Dublin derweil reihenweise vom Himmel, weil ihre Lithium-Polymer-Akkus in der Kälte viel schneller als erwartet den Geist aufgaben. Auf Geheiß der META unterzog die Polizei jeden, der eine der ausgefallenen Drohnen auch nur schief ansah, einem stundenlangen Verhör, und so hasteten die Leute wie mit Scheuklappen von Laden zu Laden, um ja keinen falschen Eindruck zu erwecken. Hätte Eamon gewusst, wie sich Weihnachtsstimmung anfühlt, hätte er sie gewiss vermisst.

Eamon ging dreimal im Jahr zum Friseur, zu Weihnachten und zu den Geburtstagen seiner Eltern. Er ließ sich die Zotteln abschneiden, zog sich am Weihnachtstag seine guten Sachen an und kaufte im 24-Stunden-Supermarkt einen Amaryllisstrauß. Ein Taxi holte ihn ab und brachte ihn in den eine halbe Stunde entfernten Küstenort Dalkey. Am 25. Dezember gingen weder Züge noch Busse und Eamons Eltern waren mit dem Festessen beschäftigt, doch zuhause bleiben durfte Eamon deswegen noch lange nicht; sein Bruder Patrick zahlte ihm den Chauffeur.

Als Eamon aus dem Wagen stieg, wehte von der Irischen See her ein schneidend kalter Wind, der ihm die Nase absägen wollte. Eine zärtliche Berührung verglichen mit dem, was ihm noch bevorstand.

„Haste denn inzwischen einen Job?“, war das erste, was seine Mutter fragte, nachdem sie die Blumen in eine Vase gestellt hatte. Als er verneinte, streifte sie ihn flüchtig mit den Augen und drehte ihm dann den Rücken zu. „Na, wenigstens biste gesund, nich’?“

Unter dem Weihnachtsbaum – der prominent im Wohnzimmer stand, gekrönt von einer unfassbar hässlichen Engelsfigur – lagen für ihn in lappriges Geschenkpapier gewickelt die Bücher „Erfolgreich aus der Arbeitslosigkeit befreien“ und „Bewerbungen: So trainieren Sie Ihr Selbstvertrauen“. Dazu bekam er einen blauen Blazer, in dem er mit den knochigen Schultern und den Streichholzarmen ganz verloren aussah. „Du bist eben zu dünn geworden!“, tadelte ihn seine Mutter. Aus einem dritten Päckchen wand er ein Set Waschlappen und Handtücher.

Später saßen sie am großen Familientisch und aßen gebackenen Schinken mit Apfelsoße.

„Holly, was macht eigentlich Eamon? Ich habe ihn heute Nacht gar nicht in der Christmette gesehen“, sagte Tante Biddy. Es war ihre Angewohnheit, dass sie solche Fragen an ihre Schwester richtete, nicht an Eamon selbst, der nur zwei Plätze weiter saß. Eamons Mutter lachte verschämt.

„Probier die Mince Pies! Ich hab ein neues Rezept aus dem Internet versucht. Ist Rindertalg drin.“

Tante Biddy blickte zu Eamon, musterte den gekrümmten Mann am Tischende und wies ihren Gatten flüsternd auf den roten Streifen auf seiner Stirn hin. Eamon sah, wie sie sich zunickten.

„Und was gibt es Neues bei dir, Pat?“, fragte Tante Biddy und wandte sich Eamons großem Bruder zu.

Patrick war wie üblich schon an Heiligabend mit teuren Geschenken aufgetaucht – darunter der Blazer für Eamon. Er selbst trug einen anthrazitgrauen Anzug und eine Maurice Lacroix aus Edelstahl am Handgelenk.

„Eigentlich nichts Besonderes“, sagte er in diesem beschwingten Ton, der verhieß, dass er die Klappe vorerst nicht mehr halten würde. Die nächste halbe Stunde verbrachte er damit, von seinen Erfolgen als Anwalt in einer großen Londoner Kanzlei zu erzählen, und gab skurrile Anekdoten aus Gerichtsverhandlungen zum Besten, in denen er am Ende unausgeschlafene Konkurrenten oder tölpelhafte Schurken mit einem Geniestreich hinters Licht führte und den Fall für sich entschied. Tante Biddy musste dabei so heftig lachen, dass ihr der Wein aus beiden Nasenlöchern schoss. Eamons Mutter hatte ihren geliebten Pat noch nie stolzer angesehen.

„Hey, Eamon“, rief Pat über den Tisch. „Du musst mal ein Praktikum bei uns machen. Wird dir gefallen, echt witzig da! IT-Kram, wäre das nichts für dich?“ Und zuvorkommend fügte er in Richtung seiner Tante hinzu: „Er hat ja die Highschool nicht beendet – kaum vermittelbar –“

Tante Biddy nickte verständnisvoll.

„Der Staat greift in solchen Fällen nicht ein und das ist wirklich unverantwortlich, wenn ihr mich fragt. Er bekommt ja nicht mal Sozialhilfe – nicht wahr, Eamon?“, rief Pat ihm zu, ohne zu merken, dass sich Eamon so klein machte, dass er fast mit der Nase im Schinken steckte.

„Aber warum denn nicht?“, fragte jemand, als handelten sie das Thema nicht bei jeder Feier ab.

„Weil wir zu viel verdienen“, sagte Pat und zeigte auf sich und seine Eltern, wobei er aber eigentlich nur sich selbst meinte. Wie zufällig streckte er an dieser Stelle den Arm ein wenig, so dass der Ärmel hochrutschte und den Blick freigab auf die Maurice Lacroix mit ihrem Saphirglas. „Jedenfalls kann ich das natürlich nicht tatenlos mit ansehen. Ich überweise Eamon jeden Monat einen kleinen Betrag, damit er im Wohnsilo schlafen und essen kann, bis …“, er senkte die Stimme, „… na ja, bis er wieder auf die Beine kommt.“

Während sich Pat in den Blicken der Verwandtschaft sonnte, sah Eamon, wie seine Mutter ein bisschen hektischer im Schinken herumstocherte. Sein Vater berührte sie an der Schulter und warf Eamon über die übertrieben üppig mit Essen beladene Tafel hinweg einen enttäuschten Blick zu. Eamon wäre am liebsten aufgesprungen und hätte Pat mit der Seidenkrawatte erwürgt, die dieser zu jeder einzelnen Familienfeier trug, als handelte es sich um ein Dinner mit wohlhabenden Mandanten. Er tat es nicht, denn er war auf Patricks Geld angewiesen. Ohne sie hätte er wieder bei seinen Eltern einziehen oder sich wirklich einen Job suchen müssen, den seine Familie – und einfach jeder auf der Welt – für das Fundament seiner Menschenwürde hielt.

Eamon hatte keine Lust auf einen Job. Ein Job bedeutete soziale Kontakte und soziale Kontakte waren wie Splittergranaten mit lockerem Sicherungsstift. Für ihn war das Wohnsilo das perfekte Zuhause: Er lebte in der Anonymität zwischen Menschen, die ihn nie bemerkten, musste auf niemanden Rücksicht nehmen und mit keinem reden. Eine pflegeintensive Wohnung besaß er auch nicht, er musste nicht einkaufen gehen, hatte ja nicht einmal eine Küche. Der Fraß aus der klebrigen Kantine reichte ihm vollkommen. Wenn er sein Bedürfnis nach Genüssen stillen wollte, ging er einfach in ein Restaurant in Molitor, Ma’quoia oder Flüsterheim.

In seiner Familie war er wie eine Fee vom Kleinen Volk, der man etwas Brot und Milch hinstellte, damit sie keinen Ärger ins Haus brachte, und die man ansonsten nicht beachtete. Im Wohnsilo verhielt es sich ganz ähnlich, aber dort gab es wenigstens keinen brillanten Patrick, der alle Menschen überstrahlte.

„Wohnsilo, Internet-Flatrate, Handyvertrag, Kantine, Krankenkasse“, zählte Pat auf, „ohne Geld geht heute gar nichts, auch nicht, wenn man den ganzen Tag nur zu Hause herumhockt und Cronos spielt – stimmt’s nicht, Eamon?“

„Mh-hm“, machte Eamon und ballte unter dem Tisch die Faust. Er hasste diese Familienfeste so sehr, dass er sterben wollte. All diese Leute am Tisch gaben ihm das Gefühl, lebendig in einem Sarg zu liegen und auf das Ende zu warten, während ihm der Deckel dicht über der Nase schwebte und er nicht einmal mehr den Kopf anheben konnte. Menschen. Sie waren ihm ein solches Gräuel, dass er sich manchmal auf den Mars wünschte, weit weg von all den Idioten, den verrohten Marionetten, den Sprücheklopfern und Garnichtsverstehern. Cronos war ein bisschen wie der Mars. Ein besiedelter Mars zwar, leider. Aber man konnte sich von den meisten Menschen fernhalten, wenn man sich Mühe gab.

Es sei denn, man starb.

 

Mit dem Tod kannte sich Eamon aus — nichts Besonderes für einen Besucher von Cronos im Allgemeinen und einen Muerto im Besonderen. An seinem ersten Tag war er in der Kokonstadt von einem Ast gefallen und einen halben Kilometer in die Tiefe gestürzt. In Flüsterheim jagte ihn ein Shooter mit einer Granate hoch, an der Geisterküste fraß ihn ein Wahnwal und in Celladom schredderte ihn eine Maschine, die keine andere Aufgabe hatte, als neugierige Spieler zu zerkleinern. Nur dieser eine Tod in Celladom verfolgte ihn noch eine Weile — bis heute hörte er das schrille Messerwetzen, das Katsching! der Mechanik und das Röhren der Motoren, die das Fließband antrieben. Doch abgesehen davon, dass das Sterben immer ein bisschen mehr wehtat, je höher sein Level stieg, fand Eamon den Tod halb so wild.

Das Sterben lief stets ähnlich ab. Sobald er kampfunfähig war, übertrat Eamon die Schwelle: Er glitt aus seinem verwundeten Körper heraus, manchmal sofort, manchmal verzögert, und blickte dann als Geist auf sich selbst hinunter. Er konnte sich frei bewegen, aber nichts anfassen und nicht sprechen; wenn er es versuchte, drang kein Laut aus seinem Mund. Bislang hatte er immer das Glück gehabt, jemanden zu finden, der seinen Körper freiwillig auf den Friedhof brachte. Hier draußen in Ährenfeld würde die Suche länger dauern. Aber vorerst hatte Eamon andere Sorgen — etwas stimmte nicht mit diesem Tod.

Er fühlte, wie die dumpfen Schmerzen nachließen, die daher rührten, dass ihn die Geweihspitzen des Schattenhirschs glatt durchbohrt hatten. Das Pallaloka, die Geisterwelt, streckte sich nach ihm aus; er begann zu schweben, entstieg seinem Körper wie ein den Fingern entgleitender Luftballon und richtete sich dabei ganz von allein senkrecht auf, bis er auf den Füßen stand. Jetzt hätte er eine verzerrt-verschwommene graue Version des Waldes um sich herum sehen müssen. Doch es war finster.

Weil er selbst schwach leuchtete, hatte er den Eindruck, ein paar Meter weit blicken zu können, obwohl es nichts zu sehen gab. Im leeren Raum bedrängte ihn die Dunkelheit von allen Seiten, und so sehr er sich auch anstrengte, so sehr er auch die Augen verengte und in die Schwärze spähte, blieb sie für ihn undurchdringlich.

Eamon sah an sich herab. Ein Geisterkörper, wie üblich — leicht durchsichtig wie Rauch. Und daneben auf dem Boden: nichts. Er konnte seinen Körper nicht sehen, was Unbehagen in ihm auslöste. Der Boden schien zu qualmen, dichter Nebel zog Spiralen um Eamons Knöchel, darunter erahnte er die Kiefernnadeln, Wurzeln und Steine.

„Hallo?“, wollte er rufen, doch das Wort blieb in seinem Kopf, er war auch an diesem Ort stumm.

Vielleicht ist die Konsole defekt, dachte er in einem Anflug von Panik. Ob sie trotzdem auf sein Safeword reagierte, wenn er es sagte? Normalerweise ging das nicht: Es war unbedingt nötig, dass das Safeword laut ausgesprochen wurde, denn sonst hätte auch ein Gedanke gereicht, und wer hatte seine Gedanken schon immer im Griff? Eamon hatte sich schon oft gefragt, was passierte, wenn er starb und niemand ihn zum Friedhof brachte — er würde sich stundenlang, vielleicht sogar tagelang nicht mehr ausloggen können, bis sein echter Körper irgendwann den Geist aufgab …

„Hallo?“

Stille, Dunkelheit, Nebel.

Plötzlich teilte ein Licht die Dunkelheit, wie eine drei Meter lange Lanze, ein paar Schritte von Eamon entfernt. Sie entstand aus einem Funken, der aus den Baumwipfeln herabschwebte, den Boden berührte, aufleuchtete wie eine Stichflamme und diese schnurgerade Linie in die Schwärze zeichnete. Eamon starrte den Strich hoffnungsvoll an. Das hatte etwas zu bedeuten, etwas Neues geschah hier, vielleicht eine Muerto-Quest, die mit seinem Level zu tun hatte … Der weiß glühende Strich teilte sich elliptisch, fächerte sich auf wie eine Gardine oder der Rock eines Ballkleids und ließ in einem fließenden Tanz etwas entstehen, das Eamon recht gab.

Eine Tür.

Das Wandeln hörte auf, scharf und klar leuchteten die Linien der Tür in der Dunkelheit. Sie hatte zwei Flügel und in der Mitte kunstvoll verschlungene Türklinken, die nur darauf warteten, berührt zu werden. Eamon tat aufgeregt einen Schritt auf die Tür zu — oder versuchte es zumindest. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Doch etwas … reagierte auf seinen Wunsch, zu der Tür zu gelangen. Vor seinen Füßen erhob sich aus dem nebelumwobenen Waldboden ein scharfkantiges Quadrat aus Licht. Wie davon angesteckt tauchte einen Schritt weiter ein zweites Quadrat auf und danach erschien ein drittes. So ging es weiter, ein viertes Quadrat, ein fünftes, ein sechstes, eines nach dem anderen erschien zwischen Eamon und der Tür, acht, neun, zehn, jetzt war die Spur fast an der Schwelle angekommen, zwölf, dreizehn — und aus.

Wie ein Weg aus Bodenplatten in einem Garten lagen die Quadrate vor Eamon. Er hatte das dringende Verlangen, den Fuß auf sie zu setzen und ihnen der Reihe nach zu folgen. Warum waren es dreizehn Platten? Und warum waren sie ihm nicht schon bei einem seiner früheren Tode erschienen? Eamon war gespannt, was als Nächstes geschah. Nichts. Die Tür und die Quadrate leuchteten, als hätte ihre Existenz sonst keinen weiteren Sinn — oder als warteten sie darauf, dass er etwas tat. Unschlüssig sah sich Eamon um. Als er wieder nach vorne sah, zuckte er zusammen: Eine Leuchtschrift schwebte in der Luft.

GEH.

Hab ich doch schon versucht, dachte Eamon. Er sah auf das leuchtende Quadrat, das ihm am nächsten war, und hob den Fuß. Es klappte — er konnte sich bewegen. Aufgeregt trat er auf die Platte, bereit, dem Weg zur Tür zu folgen. Jetzt stand er auf dem Quadrat und wollte den nächsten Schritt tun, als ihm die Füße wieder versagten.

Begierig wartete er darauf, dass etwas geschah.

Er sah, wie sich die Schrift veränderte.

DIES IST EINE PRÜFUNG.

Ich wusste es, durchzuckte es ihn.

DU BIST GEREIFT. EIN NEUES LEVEL ERWARTET DICH.
DU WIRST EINE NEUE FREIHEIT ERLEBEN.
DU WIRST FLIEGEN KÖNNEN.
BEWEISE, DASS DU BEREIT DAZU BIST.

„Okay“, sagte Eamon entschlossen.

Die Schrift verschwand, neue Buchstaben erglühten. Eamon nahm sie in sich auf, ohne zu blinzeln.

DREIZEHN TODE MUSST DU STERBEN.
DREIZEHN SCHWELLEN ÜBERTRETEN.
DREIZEHN PRÜFUNGEN BESTEHEN.

Eamon sah den Buchstaben gebannt dabei zu, wie sie zu Funken zerplatzten und sich zu neuen Worten zusammenfügten.

DU BIST EINEN TOD GESTORBEN.
FEHLEN NOCH ZWÖLF.
SEI AUFRICHTIG.

Das letzte Wort glühte länger und stärker als alle anderen, die sich verbogen, auseinanderdrifteten und insektengleich davonflogen. Es leuchtete noch, als die Dunkelheit wie Wasser auf das Tor und die Quadrate stürzte und die Lichter ineinanderflossen und Eamon von einer unsichtbaren Kraft rückwärts gestoßen wurde, so dass er mit dem Rücken zu Boden kippte, durch ihn hindurch flog und in die Tiefe fiel, raste, bleischwer wie damals in Ma’quoia, als er vom Ast gefallen war, tiefer und tiefer —

Plötzlich lag er wieder auf dem Rücken. Nur war dies nicht die Pritsche im Wohnsilo. Über sich sah er einen zerfransten Ausschnitt des blauen Himmels, von Kiefernwipfeln begrenzt. Er hob den Kopf ein wenig und sah an sich entlang; da erst bemerkte er, dass er immer noch ein Geist war, der ein paar Zentimeter über seinem verwundeten Körper schwebte. Allerdings war er jetzt nicht mehr allein im Wald.

Jemand hatte begonnen, ihn von dem Geweih zu befreien; nur zwei Stangen waren noch übrig. Eamon sah zu, wie die kleine Gestalt das drittletzte Geweihende auf einen Haufen warf und sich wieder zu ihm umwandte, um sich das nächste zu packen. Es war ein Mädchen, wie man es in Cronos nie zu Gesicht bekam, weil es viel zu jung war. Elf oder zwölf Jahre alt. Und es hatte das Downsyndrom.

Das Mädchen erblickte ihn — genauer: seinen Geist — und grinste. „Da bist du ja endlich! Warte, ich mache das hier noch schnell weg.“ Sie packte eine der Stangen, stemmte sich mit dem Fuß von seiner Hüfte ab und lehnte sich zurück. „Hau ruck!“, presste sie hervor und verzog das Gesicht vor Anstrengung. „Uuund … frei!“ Das lange Ding löste sich aus Eamons Körper, das Mädchen stolperte rückwärts, fing sich und warf die Stange auf den Haufen.

„Ich hab auf deinem Handgelenk nachgesehen“, sagte das Mädchen, als es das letzte Stück Geweih packte. „Du bist ja erst auf Level 25. Du weißt aber schon, dass das hier eine High-End-Region ist? Ziem…lich … leicht…sinn…ig — und draußen!“ Die blutige Stange flog auf den Haufen. „So, das hätten wir geschafft. Und jetzt —“

Das Mädchen machte etwas Seltsames mit seinen Händen: Erst klatschte sie ein paar Mal, dann krümmte sie ihre kleinen Finger so, als legte sie diese um ein dünnes Rohr. Als sie nun die Hände auseinanderzog, glühte ein Licht zwischen ihren Fingern, das rasch verglomm — und eine Blockflöte zurückließ. „Schön stillhalten“, sagte das Mädchen. Sie legte sich das Mundstück der Flöte auf die Lippen und begann ein Lied zu spielen, das Eamon aus irgendeinem Grund sofort an seine Grundschulzeit denken ließ. Doch so einfach die Tonfolge auch war, sie verfehlte nicht ihre Wirkung. Das Mädchen ließ mit seinem Flötenspiel einen Wirbelwind aus weichem Licht entstehen, das sich in Eamons Wunden verdichtete und das zerstörte Gewebe in Sekundenschnelle reparierte. Müdigkeit überwältigte ihn, dann schwanden ihm die Sinne und im nächsten Moment kam er zu sich — in seinem Körper diesmal, der immer noch flach und schwer auf dem Rücken lag, jedoch kein bisschen wehtat. Im Gegenteil, Eamon fühlte sich so stark, als könnte er es mit zwei Schattenhirschen gleichzeitig aufnehmen. Mit einem Satz sprang er auf die Füße und tastete seine Brust ab. Unversehrt, von der Haut bis zur Kleidung.

„Danke“, sagte er. „Du bist ’ne Hexe, oder?“

„Ja. Aber vor allem bin ich eine Hamonikeranwärterin“, sagte das Mädchen mit stolzgeschwellter Brust. „Deshalb kann ich einmal am Tag jemanden zum Leben erwecken. Das war mein erstes Mal. Ziemlich cool, oder?“

Eamon stutzte. Harmoniker … War das nicht diese Elite-Spezialisierung der Hexen? Elite-Fähigkeiten wurden frühestens mit dem fünfzigsten Level freigeschaltet. Verblüfft betrachtete er das kleine Mädchen, das ihm gerade mal bis zum Bauchnabel reichte. Sie hatte fingerlange schwarze Haare, schmale, ungewöhnlich weit auseinanderliegende Augen und einen breiten Mund, der immer ein wenig lächelte — zumindest jetzt. Eamon, dem das Gefühl von Blei an den Mundwinkeln besser vertraut war, begann sich in ihrer Nähe unwohl zu fühlen.

„Tja, also … danke“, sagte er nochmal.

„Ich bin Hana“, antwortete das Mädchen munter. „Und du?“

„Eamon“, sagte er.

„Ich komme aus Japan. Besser gesagt, ich komme aus Yokohama. Woher kommst du?“, plapperte sie weiter.

„Irland.“

„Ist das weit weg?“

„Ja … ganz schön weit.“

„Ich bin elf Jahre alt. Wie alt bist du?“

„Vierundzwanzig.“

„Ich hab am 26. Mai Geburtstag. Wann hast —“

„Hör mal, ich muss echt dringend los“, sagte Eamon.

„Okay. Wohin gehen wir?“ Die Kleine sah erwartungsvoll zu ihm auf. Was meinte sie mit ‚wir‘? Eamon dämmerte, dass sie ihn begleiten wollte. Als hätte er nichts Besseres zu tun, als den Babysitter zu spielen. Andererseits sah sie nicht so aus, als bräuchte sie einen Aufpasser. Warum durfte sie überhaupt hier rumlaufen? Cronos war ab achtzehn. Hatte sie keine Eltern, die ihr den Cube wegnahmen?

Hana, von seinen Gedanken nichts ahnend, konnte offenbar nicht lange schweigen. „Auf jeden Fall sollten wir dich hier rausbringen, denn ich kann nicht den ganzen Tag auf dich aufpassen und wenn du nochmal stirbst, muss ich dich zum Friedhof tragen, und mal im Ernst, du siehst ganz schön schwer aus, also lass uns gehen, ja?“

„Gerade hast du mich noch ausgefragt“, sagte er.

„Wollen wir einen Kakao trinken?“, fragte sie.

„Nein“, antwortete er.

„Einen Tee?“

„Nein!“

„Du bist echt kompliziert.“

„Und du bist echt anstrengend für dein Alter.“

„Du bist anstrengend.“ Sie kiekste und bog sich vor Lachen.

„Am besten gehen wir nach Molitor“, sagte Eamon, als ihm eine Idee kam. „Hast du ein Transportmittel?“ Er hatte keine Lust, noch eine seiner goldenen Kugeln zu opfern, nur um zu merken, dass sie wieder nicht funktionierte.

„Dein Level ist viel zu gering für Molitor“, sagte Hana.

„Ja, ja“, sagte Eamon genervt. „Da ist jemand, mit dem ich reden will.“ Wieso hatte er sich nicht mehr mit seinem Safeword ausloggen können? Yves würde das sicher wissen wollen. Und hatte vielleicht Antworten.

„Hast du keine Tunnelmurmel mehr?“

„Nein“, log Eamon.

Hana wirkte beeindruckt. „Du bist ja noch leichtsinniger, als ich dachte!“ Aus den Falten ihres weißen Rocks zog sie eine mit Comickatzen dekorierte Metalldose hervor. Der Kartenstapel darin war gut sortiert, denn die Tunnelmurmeln — sie hatte mindestens zwei davon — lagen ganz oben. „Na, dann tritt mal beiseite“, sagte sie und warf die goldene Kugel auf den Boden, wo sie zersprang. „Tunnel nach Molitor, alle einsteigen, Türen schließen!“

 

Yves hatte sich nicht vom Fleck bewegt; er saß immer noch mit den anderen Admins auf der Terrasse eines Restaurants und unterhielt sich, als Eamon ihn fand. Die Sonne glühte karibisch vom Himmel, während angenehme Brisen die Blätter an den Palmen bewegten.

Hana setzte sich eine mit rosa Glitzerherzen verzierte Sonnenbrille auf und dackelte ihm nach.

„Wohin gehen wir?“

Eamon ignorierte sie. „Yves!“, rief er über die Balustrade der Terrasse. Er traute sich nicht, sie zu betreten, denn das Restaurant war sehr vornehm und er hatte das Gefühl, dass er von den High-Level-Spielern schon eingeladen werden müsste.

Yves, der bullige Mann im schwarzen Mantel der Okkultisten, drehte sich nach Eamons Stimme um. Als er ihn erblickte, lächelte er und winkte ihn zu sich.

„Er will nicht aufstehen“, sagte Hana und ging wie selbstverständlich die Treppe hoch.

Eamon, der neben einem kleinen Mädchen nicht wie ein Feigling dastehen wollte, folgte ihr mit einem breiten Gang, von dem er glaubte, dass er den Anschein von Selbstvertrauen vermittelte. Sein Puls ging schneller, denn jetzt drehten sich die anderen Admins zu Eamon um — er sah eine Hexe und eine Muerto, alles andere waren Männer: noch ein Okkultist, ein Purgator und ein Shooter, nicht mit Maschinenpistole, sondern altmodisch mit Jagdgewehr. Alle Klassen waren an dem Tisch versammelt, mit Ausnahme der Alchemisten. War Janus nicht auch ein Admin gewesen? Eamon gruselte die Vorstellung — in Cronos gab es keine vertrauenswürdigere Position als die eines Admins. Janus musste diesen Bonus ausgenutzt haben.

„Wie war die Fahrt?“, fragte Yves. Eamon war froh, dass man ihm den Unfall dank Hanas Zauber nicht mehr ansah.

„Ganz okay. Können wir reden?“

Die anderen am Tisch beäugten ihn neugierig. An der Anzahl seiner Federn erkannten sie, dass er noch nicht einmal Level 30 erreicht haben konnte; die Muerto am Tisch etwa hatte schon so viele Federn, dass sie die Pracht ihres Kopfschmucks mit einem Band zusammenhalten musste. Yves erhob sich von seinem Stuhl und kam ein paar Schritte in seine Richtung. Es störte Eamon, dass Hana in Hörweite blieb, wusste aber nichts dagegen zu tun.

„Hör zu“, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Yves, „mir ist gerade etwas Komisches passiert. Ich bin im Petromobil von einem Eisenadler angegriffen worden, im Norden von Ährenfeld. Und dann konnte ich mich nicht mehr ausloggen. So ein Schattenhirsch hat mich plattgemacht.“

„Dein Safeword hat versagt?“, fragte Yves.

„Ja. War echt gruselig.“

Yves musste nicht lange nachdenken. „Das mit dem Eisenadler war entweder ein Okkultist oder ein Alchemist mit weit entwickeltem rotem Aurum. Die Nubbun greifen keine Petromobile an — Schutzschild.“

„Kann es sein, dass der Schild einfach defekt war?“

„Ausgeschlossen. Petromobile sind sicher vor Nubbun, das ist Teil ihrer Programmierung. Ein Nubbun greift ein Petromobil nur dann an, wenn ein Spieler es dazu zwingt.“

„Dann … war es vielleicht Janus?“

Zu seiner Erleichterung schüttelte Yves den Kopf. „Der Typ ist heilfroh, dass er in Cronos noch frei herumlaufen darf. Der macht erstmal keinen Unsinn.“

„Er ist irre, oder?“

„Aber nicht doof. — Und es war wirklich ein Eisenadler? Meine Fresse!“ Yves stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „An denen hab sogar ich zu knabbern. Das spricht schon eher für einen Okkultisten, wenn du mich fragst — so viel Aurum bekommt ein Alchemist in seinem Leben gar nicht zusammen, dass er sich so lange als Okkultist leveln könnte, bis er einen ganzen Eisenadler unter Kontrolle bekommt.“

„Was ist mit meinem Safeword?“

„Tja, das ist der Haken“, sagte Yves. „Dass du dich nicht ausloggen konntest, spricht für einen Freeze. Bislang kennen wir nur Alchemisten, die ihn beherrschen. Scheint so eine Art Elite-Qualifikation zu sein.“

„Scheint?“ Wer, wenn nicht ein Admin, sollte denn besser darüber Bescheid wissen, dachte Eamon.

„Der Freeze ist eines dieser Phänomene, die in Cronos auftauchen, ohne dass ein Entwickler sie gebastelt hätte oder auch nur sagen könnte, wie sie entstanden sind. Sie sind im Prinzip Fehlfunktionen.“

„Bugs.“

„Genau.“

„Bugs, die Menschen töten können.“

„Das wollen wir nicht hoffen. Aber zur Sicherheit empfehlen wir den Leuten, eine Zeitschaltuhr zwischen den Cube und die Steckdose zu hängen. Wenn der Cube in regelmäßigen Abständen einfach ausgeht, kannst du nicht darin gefangen bleiben, bis dir das Herz stehen bleibt.“

Eine gute Idee, dachte Eamon; Ted hätte so eine Uhr brauchen können, die hätte ihn vielleicht gerettet. Er würde morgen in den Baumarkt gehen. „Okay, danke. Ich halte die Augen offen.“

„Das ist nie verkehrt.“

„Eine Frage hätte ich noch … Sie betrifft die Muertos.“ Eamon linste zum Tisch, an dem sich die Admins munter unterhielten. Yves verstand den Wink.

„Anila!“, rief er. Die Muerto mit der zusammengebundenen Federpracht blickte auf. Eamon beobachtete nervös, wie sie sich vom Stuhl erhob und herüberkam. Sie sah nett aus; trotzdem fühlte er sich wie ein Störenfried. Aber dies war der kürzeste Weg zur Aufklärung.

„Was gibt’s?“

„Ich lass euch allein“, sagte Yves und klopfte Eamon zum Abschied gegen den Oberarm.

„Sorry für die Störung“, sagte Eamon und schob den linken Ärmel hoch, um Anila das Tattoo auf der Innenseite des Unterarms zu zeigen. Vor seinem Ausflug mit dem Petromobil hatte es noch eine 24 gezeigt, jetzt war auf seiner Haut eine 25 zu sehen. „Es ist nur so —“

„Aaah, die Quest!“, rief Anila. „Oh, an die erinnere ich mich gut. Die war verdammt hart.“

Eamon schob den Ärmel wieder runter.

„Da müssen wir alle durch, also wir Muertos, meine ich. Aber es lohnt sich. Du kannst dir die Belohnung nicht vorstellen! Du wirst sie lieben, vertrau mir.“

„Aber was muss ich machen?“

„Es ist im Grunde ganz einfach. Du musst sterben, dreizehnmal. Jedes Mal darfst du einen weiteren Schritt in Richtung Tür tun und wenn du sie erreicht hast, kannst du sie öffnen. — Oder, Sekunde …“ Sie legte den Finger ans Kinn und dachte nach. „War da nicht noch was? Irgendetwas musst du tun, um die Tür zu öffnen.“

„Und was?“

„Ich bin mir nicht mehr ganz sicher — zu lange her. Ich merke mir das nicht, Coaching ist nicht meine Aufgabe. Aber bis dahin hast du ja noch ein bisschen Zeit.“

„Ja … danke“, sagte Eamon. Ihm saßen noch tausend Fragen auf den Lippen, aber Anila sah flüchtig zum Tisch zurück und lächelte ihn gereizt-höflich an.

„Nichts zu danken. Und wenn du Fragen hast, geh doch einfach nach Tides, da gibt es Mentoren.“ Sie wedelte zum Abschied mit den Fingern; im nächsten Augenblick saß sie wieder am Tisch. Die Gruppe, die gerade noch gefeiert hatte, steckte jetzt die Köpfe zusammen und wirkte, als wäre sie in eine wichtige Besprechung vertieft. Eamon fragte sich, ob Yves ihnen gerade von der Sache mit dem Safeword erzählte, als sein Blick auf Hana fiel.

„Ich kam nicht umhin, alles mit anzuhören“, sagte Hana.

„Ist mir gar nicht aufgefallen“, gab Eamon zurück.

„Du wirst jemanden brauchen, der dich zum Friedhof bringt oder zum Leben erweckt, wenn du gestorben bist.“ Sie strahlte und hüpfte auf der Stelle.

So jemanden würde er tatsächlich gut gebrauchen können. Aber musste es ausgerechnet Hana sein? Die unerträglich nette, sonnenscheinfreundliche Hana, die ständig grinste und blöde Witzchen machte, über die sie sich dann selbst kaputtlachte? „Brauch ich nicht“, sagte er dumpf. „Sorry, aber ich bin normalerweise allein unterwegs.“

Das Lächeln schmolz von ihrem breiten Gesicht. „Aber …“

„Ich komm klar. Danke für deine Hilfe.“

„Aber, aber —“

Er wusste, dass sie nicht weggehen würde, und die Erkenntnis machte ihn aggressiv; er hatte das Bedürfnis, sie zu Boden zu schubsen, und gleichzeitig fühlte er sich schuldig, weil sie immer noch ein kleines Mädchen war, von den Eltern wohl vernachlässigt und einsam in Cronos wegen ihres Alters und ihrer Behinderung. Aber warum ich, dachte er wütend. Warum muss sie ausgerechnet zu mir kommen?

„Mach’s gut“, sagte er mit Nachdruck und ging zur Treppe, stieg die Stufen hinab auf den weiß gepflasterten Weg. Dann blickte er zurück. Sie lief ihm nach.

Mit treudoofem Blick.

Wie ein Hund.

„Aber“, begann sie wieder.

Er wusste sich nicht anders zu helfen. „Homecoming“, sagte er zähneknirschend. So wie vorhin im Geisterreich der Toten wischte die Dunkelheit Molitors Sonne hinfort und Eamon stürzte rückwärts in die Tiefe, stürzte durch Lichter und Bilderstürme zurück in die Wirklichkeit, erleichtert und gleichzeitig voller Hass auf sich selbst.