Kapitel Eins

Jeden Abend um sieben Uhr holte sich Eamon mit der Weckautomatik aus der virtuellen Realität des Cronos Cubes. Anfangs zog er sich noch eine Jeans an, bevor er die Kammer verließ, die er seine Wohnung nannte. Doch irgendwann verzichtet er auch darauf, trat in einer müffelnden Jogginghose auf den Flur, in dem es nach Kühlflüssigkeit und zu vielen Menschen roch, schlurfte zum Fahrstuhl und fuhr vom sechzehnten Stock hinunter ins Erdgeschoss. Dabei begegnete er niemandem. Obwohl er dem Wohnsilo seine fünftausend einsamen Bewohner anfühlte – auf eine irrationale Weise, die sich Eamon selbst nicht erklären konnte –, sah er seine Nachbarn nur in der Kantine. Er folgte dem Geruch von überwürztem Eintopf und zerkochten Zwiebeln in den Speisesaal, nahm aus einem Regal ein Plastiktablett, das wie üblich ein wenig klebte, und trug es zur Essensausgabe.

Der Computer zickte, weil er das Tablett nicht genau auf Höhe der roten Markierungen platzierte. „Bitte stellen Sie Ihr Tablett in den gekennzeichneten Bereich“, sagte die kühle Frauenstimme, die ihn an die aus dem Cronos Cube erinnerte. Eamon rüttelte so lange an dem Tablett, bis der Computer ihm grünes Licht gab und nach seinem Wunsch fragte. Gemüseeintopf, Lasagne oder Gulasch?

Eamon wählte Eintopf. Tat er immer.

Es gab ohnehin kein echtes Fleisch.

Er suchte sich einen Platz, der ihn nicht in die gefährliche Small-Talk-Zone der anderen Kantinenbesucher brachte. Das tat jeder, der hierher kam, und so saßen die Leute an den Tischen so gleichmäßig verteilt wie elektrisch geladene Kugeln, die sich gegenseitig auf Abstand hielten. Weil niemand sprach, hörte Eamon beim Essen nur das Klingen des Bestecks. Manchmal scharrte ein Stuhl über den Boden, benutzte Teller klirrten und ein Tablett klapperte in einem Regal. Dann das Summen der automatischen Geschirrrücknahme. Das Rumpeln von Plastikwasserflaschen im Automaten. Eine Metallklappe, die auf- und zuging.

Nach all den Wochen schmeckte Eamon den Eintopf nicht einmal mehr, aber das spielte keine Rolle für ihn. Seine Besuche in der Kantine dienten nur dem Zweck der Nahrungsaufnahme, damit sein Körper nicht den Geist aufgab. Eamon achtete darauf, dass er sein Herz am Pumpen hielt, die Nieren am Filtern, die Leber am Stoffwechseln. Mechanisch schob er sich den mit Gemüse und Brühe gefüllten Löffel in den Mund, so lange, bis er den Tellerboden erreichte, und versank dabei in Gedanken, die ihn das Neonröhrenlicht, die Geräusche der anderen Wohnsilobewohner und den Geruch von Mononatriumglutamat vergessen ließen. Er dachte an Florahall und den Petromobilverleih, von dem er neulich gehört hatte. Er wollte fahren. Schnell und ziellos. Er hatte genug von den schwierigen Quests der Scharlachfurt, von den wehleidigen Shootern und den sadistischen Alchemisten. Besonders nach dem, was dieser Alchemist – wie hieß er noch? Linus? – Ted angetan hatte. Ted hatte sich schon seit Tagen nicht mehr eingeloggt; bestimmt saß er jetzt in der Psychiatrie. Eamon wollte Abstand nehmen von allem. Heute Nacht würde er mit Highspeed durch Cronos düsen.

Als er aufgegessen hatte, räumte er das Tablett mit dem Geschirr ab. Er holte sich eine Flasche Wasser aus dem Automaten, verließ die Kantine, durchquerte die Eingangshalle und warf einen Blick in den Briefkasten (leer). Auf dem Rückweg ging er an dem Fahrstuhl vorbei. Er trat in das nach Urin stinkende Treppenhaus und tat, was er tun musste, damit ihm sein Kreislauf all die Stunden in Cronos verzieh: Er stieg zu Fuß so viele Stockwerke hinauf, wie er schaffte, bevor er fast zusammenbrach. Erst dann nahm er den Fahrstuhl, schwitzend und keuchend, aber erleichtert, weil er immer noch mindestens acht Stockwerke schaffte.

Im sechzehnten Stock trat er aus dem Fahrstuhl in einen Flur voller identisch aussehender Türen. Bei Kabine 16.34 zog er seine Chipkarte durch den Scanner, öffnete die Tür und trat in die Zelle. Sie war gerade groß genug für ein Bett und zwei Schubladen, in denen er ein paar Klamotten, Duschzeug und seine Zahnbürste aufbewahrte. Der Cronos Cube stand auf dem Nachttisch: ein Würfel aus gebürstetem Stahl, mit einem Stromkabel zur Steckdose. Auf dem Bett lag eine Gummimütze, auf deren Innenseite zwei Dutzend Elektroden blinkten. Die Haube war so eng, dass sie auf Eamons Stirn einen roten Streifen hinterlassen hatte, der kaum mehr wegging. Im Wohnsilo sah man solche Streifen oft.

Eamon drückte eine Blaue Pille aus dem Blister, ließ sie mit der Zunge am Gaumen zerplatzen und spülte den bitteren Geschmack mit viel Wasser hinunter. Dabei schaltete er die Konsole ein; der Würfel piepte und eine Kante leuchtete grün.

„Guten Tag. Der Cronos Cube wird hochgefahren. Bitte setzen Sie die Stimulanzkappe auf“, sagte die vertraute Stimme aus dem Cube.

Eamon zog sich die Gummikappe über die ungewaschenen Haare, bis er die Elektroden auf der Kopfhaut spürte. Die sedierende Wirkung der Blauen Pille traf ihn wie ein Schlag gegen den Kopf; er sank aufs Bett und streckte sich aus. Obwohl er wusste, dass er gleich wieder Teds grässliche Schreie hören würde, war er erleichtert darüber, dass er nach Cronos zurückkehren durfte.

„Beginne mit der Messung der Hirnfrequenz. Sie werden in zwei Minuten starten. Stellen Sie sicher, dass die Stimulanzkappe während der Schlafparalyse nicht herunterrutschen kann“, sagte die Stimme. Eamon spürte die samtige Taubheit tiefen Schlafs in sich hochsteigen. Gleich würde ihn das Gefühl fortschwemmen, und dann würde er überhaupt nichts mehr spüren, zumindest nichts Reales.

„Zur Vermeidung nervlicher Überbelastung benötigen Sie ein Safeword, mit dem Sie sich aus dem Spiel ausloggen können, indem Sie es laut aussprechen. Achten Sie darauf, dass das Safeword für Sie gut zu merken ist und Sie bei spielinterner Konversation nicht behindert.“

Pause.

„Nennen Sie bitte jetzt Ihr Safeword.“

„Homecoming“, sagte Eamon.

Er hatte ein starkes Prickeln im Kopf, als hätte sich sein Inneres in eine Flasche Mineralwasser verwandelt.

„Speichere Safeword: Homecoming“, sagte die KI. Eamon fühlte seine Hände nicht mehr. Er schwebte … jeden Moment würde er fallen. Er atmete flach. Hörte bereits das Pfeifen zwischen den Ohren. Cronos griff nach ihm …

„Ihr letzter Aufenthalt war in Celladom. Wünschen Sie auch diesmal dort zu starten?“, fragte ihn der Cronos Cube.

„Nein.“

„Nennen Sie Ihren Startpunkt.“

„Molitor“, sagte Eamon mit letzter Kraft. Nun war auch sein Kopf fort; er schwebte in der Leere, in der die Stimme des Cubes zu etwas Körperlichem wurde.

„Genießen Sie Ihren Aufenthalt.“

Und dann fiel er. Es war ein angenehmes Fallen, durch Feuerwerk, Blitze und Bilderstürme; er war tausendmal gefallen und wusste, dass er weich landen würde. Das tat er immer, wenn er nach Cronos ging. Und am weichsten in Molitor. Doch diesmal begleitete ihn etwas, das erst seit wenigen Tagen auftauchte, Teds Schrei flirrte ihm durch den Kopf, ein markerschütterndes Kreischen, das nichts Menschliches mehr an sich hatte, sondern eher an ein Tier erinnerte, das man an den Füßen zu seinem Schlächter zerrte.

Der Schrei zerfaserte und verflog, und Eamon lag mit verkrampftem Oberkörper in einer Hängematte. Mit dem ersten Atemzug sog er den Duft von Küste, Fisch und Algen ein. Er öffnete die Augen und blickte aus dem Schatten einer Veranda heraus auf einen Sandstrand, der zu den schönsten Ecken von Cronos gehörte, obwohl er Eamon immer an einen Fotokalender denken ließ. Man wusste nie, in welchem Ferienhaus man zu sich kam, wenn man sich in Molitor einloggte; heute hatte er besonderes Glück gehabt und eines am westlichsten Stadtrand erwischt. Eamon mochte keine Orte, an denen sich zu viele Menschen herumtrieben, mit denen er nichts teilte. Und nirgends in Cronos war es so entspannt wie an Molitors Stränden. Er blieb eine Weile liegen, ließ sich von der sanften Brise schaukeln und versuchte das Grauen des Schreis zu vergessen (das würde er niemals können); dann schwang er sich aus der Hängematte und ging los.

Er lief am Strand entlang zum nächstgelegenen Treppenaufgang, während er im Kopf sein Inventar durchging. Muffins besaß er noch genügend, auch einige Optimismusbonbons und Ersatzfedern. Auf die war er als Muerto angewiesen; in seinem Stirnband steckten bislang zwei Dutzend der knielangen schwarz-violetten Federn, für jedes Level eine. Eamon nahm die Stufen einer Holztreppe, die ihn vom Strand weg und tiefer in die Stadt führten, und ging an den weißen Ferienhäusern vorbei. Er sah verwaiste Hängematten und Spieler, die sich auf den Veranden sonnten oder mit bunten Drinks anstießen. Die Häuser gehörten ihnen vermutlich selbst. Möwen saßen auf den Geländern und Firsten oder kreischten vom Himmel herab, doch anders als in Dublin hörten sie sich dabei nicht gehässig an. Eamon grüßte im Vorbeigehen einen anderen Muerto, der auf dem Hinterkopf einen prachtvollen Federschmuck trug. Level 50, mindestens, dachte Eamon zwischen Bewunderung und einer Spur Neid.

„Hey, Kleiner!“

Eamon drehte sich um. Ein dicker dunkelhäutiger Mann im Okkultistengewand winkte von der Terrasse eines Restaurants herunter. Eamon erkannte ihn: einer der Admins, die diesen Alchemisten (Julius?) gestellt hatten.

„Hey“, sagte er und ging auf ihn zu.

„Wie geht’s dir?“ Der Admin stützte seine mächtigen Arme auf das Geländer und grinste. Eamon erinnerte sich auch an seinen Namen nicht; irgendetwas Französisches.

„Gut, danke“, sagte Eamon. „Selbst?“

Yves, fiel es ihm ein. Er hatte sich damals darüber gewundert, dass eine so beeindruckende Gestalt wie er diesen femininen Namen trug. „Kumpel, du hast einen verdammt guten Job gemacht, hat dir das schon jemand gesagt? Man überlegt sogar, dir zu Ehren eine Medaille zu erfinden.“

„Ach, das war nichts Besonders“, sagte Eamon. Er fühlte sich hilflos und wollte sagen: „Jeder hätte das getan“, aber das kam ihm heuchlerisch vor.

„Was machst du in Molitor?“, fragte Yves, ohne sein irritierend selbstbewusstes Grinsen abzulegen.

„Nur durchreisen. Ich will nach Florahall.“

„Das würde ich mir überlegen. Schlechtes Wetter“, sagte Yves und zeigte in den strahlend blauen Himmel. „Kein besonders guter Tag für die Flüchtlingsquest.“

Eamon zuckte mit den Achseln. „Ich hab gehört, da gibt’s einen Petromobilverleih. Pepe, oder so.“

„Stimmt. Aber pass auf, dass er dir keine Schrottkarre aufschwatzt.“ Wie alle erfahrenen Spieler hatte Yves das Verlangen, ihm Tipps zu geben. Eamon ließ es über sich ergehen; manchmal war auch Nützliches dabei.

„Was ist mit dem Alchemisten passiert?“, fragte er.

„Janus?“ Yves legte eine Pause ein und sein Grinsen verblasste. Richtig, so hieß er, dachte Eamon; Janus. „Die Untersuchungen laufen noch. Sag’s nicht weiter, aber wir haben ihn nicht gesperrt. Er ist noch in Cronos.“

Eamon runzelte die Stirn. „Was? Aber er hat Ted –“

„Das Problem ist, dass wir ihn nicht im Auge haben, wenn wir ihn aussperren. Wir hoffen noch, dass wir ihm die Polizei auf den Hals hetzen können. Keine Angst, wir sorgen schon dafür, dass er keine Scheiße mehr baut.“

Eamon schob die Hände in die Hosentaschen. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn ihm Janus zufällig über den Weg lief; wahrscheinlich würde er die Füße stillhalten müssen. „Okay“, sagte er unbestimmt.

„Pass auf dich auf“, sagte Yves und verließ das Geländer. Eamon setzte seinen Weg zum Busbahnhof fort, wobei seine Gedanken um Ted kreisten. Ted, der sich auf der anderen Seite einer Tür um den Verstand brüllte, während er, Eamon, nur dasitzen und auf die Admins warten konnte. Was Ted wohl sagen würde, wenn er hörte, dass der Alchemist immer noch in Cronos war? Eamon wollte lieber nicht an Ted denken. Er wollte fahren. Schnell und ohne Ziel.

 

„Hallo? Jemand hier?“

Eamon schlug die Hand auf die Tresenglocke und rieb sich mit der anderen Hand den Staub aus den Augen. Pepes windschiefe Blechhütte sah nicht aus, als hätte sie oft Besuch; der Sturm rüttelte an der Tür und pfiff in den Fenstern. In einer Ecke stapelten sich Holzkästen und Plastikkanister. Aus einer Kiste hing ein medusenhaftes Schlauchchaos, in einer anderen lagerten Felgen und in der daneben ein Sammelsurium an Dingen. Alles rostig, eingebeult, löchrig oder zerbrochen. Eine schmierige Melange aus Öl und Staub bedeckte den Holzboden, und aus einem Blechtank, der wackelig auf einem Regal stand, tropfte eine Flüssigkeit, die zwischen den Holzlatten versickerte. Eamon nahm ein Prospekt vom Tresen; jede Seite hatte einen Knick.

Fahren Sie mit Petromobilen von Pepe, Ihrem Spezialisten für Rennwagen und Kutschen aller Art.

Er blätterte durch die Seiten und blieb an einem rot-weiß gestreiften Rallyefahrzeug hängen, das einem Porsche 911 nachempfunden war (3000 Kubikzentimeter Hubraum und 300 PS – nicht übel, dachte Eamon). Aber er fand noch größeren Gefallen an einem tiefergelegten Tourenwagen namens Funkenflitzer, der nicht mal 700 Kilo wog und mit seinen fast 400 PS bestimmt abgehen würde wie eine Rakete. Eamon ließ das geöffnete Prospekt auf dem Tresen liegen und spähte durch die Hintertür ins Dunkel. Keine Spur von Pepe. Er ließ die Hand wieder auf die Glocke fallen.

Ein Scheppern hinter der Türschwelle, wie von einer Werkzeugkiste, die über den Boden geschoben wurde. „Ja, ja, komme ja schon …“ Ein Frosch watschelte herein, der Eamon bis zu den Oberschenkeln reichte; seine Füße mit den Schwimmhäuten steckten in spezialangefertigten Sicherheitsschnallenschuhen. Mit einem Streifen Öl auf der grünen Stirn und einer Fliegerbrille auf den Glubschaugen schwang sich Pepe auf einen Hocker und knallte einen Schraubenzieher auf den Tresen, als wollte er Eamon ein schlechtes Gewissen machen, weil der ihn bei der Arbeit störte.

„Flüchtlingshelfer?“, blaffte Pepe.

Eamon sah zu, wie sich die dünnhäutigen Schallblasen an Pepes Mundwinkeln mit einem knatternden Geräusch aufblähten und wieder in sich zusammenfielen.

„Nein“, sagte Eamon. „Kein Flüchtlingshelfer.“

„Willst einfach so ’n bisschen kurven, was?“

Eamon sagte nichts.

„Sicher, dass du den Flüchtlingen nicht helfen willst? Gibt Rabatt. Vierzig Prozent. Brauchst nur den Questbescheid vorlegen und schon kannste abzischen.“

Pepe musterte Eamon erwartungsvoll durch die Miniteleskope seiner Fliegerbrille. Eamon wusste, wovon er sprach: Zusammen mit Ted war er kürzlich erstmals in Leviford gewesen, der Hauptstadt des Bezirks Florahall. Seit Florahalls Apokalypse bestand Leviford fast vollständig aus einer von Untoten und Monstern durchstreiften Marslandschaft. Pepes Petromobilehandel und das Flüchtlingslager lagen direkt an der Grenze; die Freiwilligen kümmerten sich um diejenigen, die aus dem intakten Stadtrest im Zentrum der Todeszone entkamen, und Pepe vermietete die Petromobile, die sie dazu benötigten. Eamon dachte an Yves („Kein besonders guter Tag für die Flüchtlingsquest“) und schob das Prospekt zwischen sich und Pepe. „Gib mir einfach diese Karre hier.“ Er tippte auf den kanariengelben Funkenflitzer.

„Kannste knicken, Kleiner. Erst ab Level 30. Für Grünschnäbel wie dich ist bei 300 PS Schluss.“

Eamon blätterte zurück. „Dann den hier.“ Das rot-weiße Rallyefahrzeug würde es auch tun.

„Kannste haben. Aber erst das Schuldenbuch.“

Eamon nahm die Karte mit der Abbildung des roten Hefts aus der Hosentasche, schnippte mit dem Zeigefinger dagegen und sah zu, wie die Karte in einer glitzernden Rauchwolke aufging. Das Heft fiel aus dem Rauch auf den Tresen; Pepe schnappte es sich und schlug es auf, um Eamons Namen vorzulesen („Eamon McCoy, 22, Dublin, Irland“) und dann durch die vorderen Seiten zu blättern.

„Hm-hm!“, machte Pepe anerkennend. „Lässt keine Rechnung offen, was?“ Er hüpfte vom Hocker, klapperte in einer Schachtel voller Schlüssel herum und kam mit breitem John-Wayne-Gang um den Tresen.

„Beeilung, na, los!“

Eamon steckte sich das Schuldenbuch als Karte in die Hosentasche und folgte Pepe nach draußen über den Parkplatz, wo die Petromobile kreuz und quer durcheinander standen. Hinter den Dächern einiger rostiger Karosserien erkannte Eamon die Umrisse des Flüchtlingslagers im Staub. Zelte, die sich Maulwurfhügeln gleich aus dem Boden wölbten. Jemand stand vor einem dieser Zelte und starrte zu ihm herüber, wie in der Hoffnung, dass er herüberkommen und eine Quest annehmen würde. Die Person trug wie Pepe eine Fliegerbrille. Eamon bedauerte, dass er nicht ebenfalls daran gedacht hatte, sich so eine Brille zuzulegen, denn der Sturm setzte ihm stechende Körnchen in die Augenwinkel.

Eamon strich mit der Hand über die Motorhaube des rot-weißen Rallyewagens und suchte in sich nach dem erhebenden Gefühl, das ihn beim Anblick eines Petromobils immer überkam. Die Staubschicht auf der Motorhaube war so dick und krustig, dass nicht einmal der Sturm sie noch herunterwehen konnte. Pepe reichte Eamon den Schlüssel – er klebte von der schleimigen Froschhaut – und rief ihm zu: „Lass die Karre irgendwo stehen, wenn du sie nicht mehr haben willst. Ich hol sie mir schon wieder. Und wehe, du fährst mir den Schlitten gegen ’ne Wand! Keine Lust auf die Blicke, wenn wieder so ein Schrottbasilisk meinen Namen auf der Stirn stehen hat.“ Er deutete auf die Karosserie, die mit dem Firmenschriftzug bedruckt war. Das Logo zeigte einen gelben Trabi mit Flügeln wie eine Schmeißfliege.

„Keine Sorge“, sagte Eamon gelassen und öffnete die Fahrertür. Der Staub hing in den Ritzen der Ledersitze und verlieh dem Lenkrad eine gräuliche Farbe.

„Die Karre hat einen eingebauten Schutzschild vor Nubbun“, fuhr Pepe fort. „Ich rate dir trotzdem, den Bezirk Florahall nicht zu verlassen. Die Viecher sind hier nicht so stark. Wenn du nach Ährenfeld fliegst“ – er zeigte in Richtung Süden – „sieht die Sache schon anders aus. Level 50 aufwärts. Keine Chance für einen mit deinem Level.“

„Ich krieg das hin.“ Eamon hatte nicht vor, in Florahall zu bleiben; Ährenfeld bot die besseren Rennstrecken. „Der eingebaute Schutzschild hält doch, oder?“

„Aber nur solange du im Wagen bleibst!“

„Das sollte kein Problem sein“, sagte Eamon, knallte die Fahrertür zu und rieb sich die Hände.

Er steckte den Schlüssel in die Mittelkonsole unterhalb des Schaltknüppels und drehte ihn bei getretener Kupplung um hundertachtzig Grad herum. Der Motor sprang mit einem übellaunigen Grollen an. Unter dem Dach gab es einen Hebel, den Eamon mit einem Ruck aus der Verankerung zog. Es kostete Kraft, den Hebel gegen den Uhrzeigersinn im Kreis zu drehen. Durch den an der Motorhaube befestigten Außenspiegel sah er, wie die Achse des Rotors aus dem Dach emporwuchs. Eamon kurbelte so lange, bis die Achse den oberen Rand des Spiegels fast berührte – ein von der Petromobilschule empfohlener Anhaltspunkt – und drückte dann mit den Daumen den Propellerknopf unter dem Zündschloss. Im Spiegel konnte er beobachten, wie sich die Düsen unter dem Achsenkopf öffneten und etwas ausspuckten, das Eamon an weiße Seidenschals denken ließ. Noch hingen sie schlaff herab, doch der Automatismus hatte bereits begonnen, sie mit einer tiefgekühlten Flüssigkeit zu füllen, die aus einem Tank unter der Motorhaube hoch in die Schläuche gepumpt wurde. Bei Plusgraden härtete die Flüssigkeit sekundenschnell aus und verwandelte die Seidentücher in vier stabile Rotorblätter mit messerscharfen Kanten.

Eamon trat aufs Propellerpedal. Die Achse begann sich zu drehen, nahm an Fahrt auf und ließ die Rotorblätter immer schneller wirbeln. Eamon nahm den Fuß von der Kupplung und stampfte auf das Pedal für den Schnaufer. Die auf der Unterseite der Karosserie angebrachten Hochdruckdüsen gaben vier mächtige Dampfstrahlen ab, die den Wagen mit einem Ruck einen Meter in die Luft springen ließen. Eamon pumpte das Propellerpedal und zog das Lenkrad zu sich hin, worauf das Petromobil mit knatterndem Rotor abhob. Der chaotische Parkplatz mit dem Blechverschlag, in dem Pepe seine Werkstatt und das Büro hatte, fiel unter Eamon in die Tiefe. Eine Böe knallte gegen die Fahrerseite und legte den Wagen in die Schräge; Eamon hielt mit dem dynamischen Lenkrad dagegen, wuchtete das Petromobil zurück in die Vertikale, hieb den Fuß auf das Gaspedal und düste in Richtung Süden, wobei er Pepes Gelände schnell weit hinter sich ließ.

Seine Stimmung hob sich augenblicklich.

Er ging in den Sinkflug und glitt über die Felssteppe hinweg. Das Gras am nördlichen Rand der Steppe hatte durch die Chemie der Horizontalbombe, die in Florahall explodiert war, eine schwarz-violette Färbung angenommen, ähnlich der Farbe von Eamons Federn. Doch nach einem guten Kilometer zeigten sich wieder Zeichen intakter Vegetation: der Steinkletterer etwa, eine hartnäckige, sich unkrautartig verbreitende Moosart, die in knalligem Rot blühte. Der Sturm hatte sich gelegt, es ging ein strenger Wind, ohne den lästigen Staub. Eamon glitt in dem Petromobil den Hang hinab auf die Zinnoberkiefern zu, die sich nach Westen hin zu einem schattigen Wald verdichteten. Unter sich erkannte er eine befestigte Straße; er landete neben einem Straßenschild, das den Weg nach Ährenfeld – Molitor wies, hielt den Propeller an, betätigte die Rotorblätterkühlung und zog, nachdem sich die Substanz wieder verflüssigt hatte und in den Tank gepumpt worden war, mit einem Knopfdruck die schlaff herabhängenden Blätter in die Düsen zurück. Er kurbelte die Achse ins Dach hinein und lehnte sich mit dem Seufzen eines Mannes, der die Arbeit hinter und das Vergnügen vor sich hat, in den Ledersitz zurück.

Das ist es, dachte er zufrieden. Darauf habe ich den ganzen Abend gewartet. Mit getretener Kupplung drückte er das Gaspedal durch. Der Motor heulte auf. Eamon ließ die Kupplung los und zischte wie ein geölter Blitz in den Wald.

Der Wagen lag geschmeidig auf der Straße. Eamon gestattete sich den Nervenkitzel, zu spät vom Gaspedal zu gehen und die Kurven haarscharf zu nehmen; er beschleunigte vor Erhebungen und genoss es, wenn die Karosserie leicht vom Boden abhob und nach kurzem Flug wieder auf den Teer knallte. Er ignorierte den Tacho, die Straße schien sich durch das hohe Tempo zu verengen. Die nächste Kurve; Eamon riss das Lenkrad herum und bremste, als er merkte, dass er übertrieb. Der hintere Teil des Wagens brach aus, schlitterte, riss ihn zur Seite – die Reifen kreischten – drehten ihn im Kreis – jetzt hatte er die Kontrolle wieder, er stieg aufs Gas … Eamon jauchzte. Er war so gut gelaunt wie lange nicht. Die Kiefern verschwammen rechts und links zu einem rot-grünen Schleier. Irgendwann würde er wieder Molitor erreichen und an der Meeresküste entlangfahren können, um –

Ein Schatten auf der Straße ließ ihn stutzen.

Er hatte die Form eines Vogels, der direkt über ihm flog. Eamon ging vom Gas und wappnete sich, indem er sachte die Bremse drückte. Das Petromobil hatte zwar einen eingebauten Schutzschild gegen Nubbun, aber er wollte vorsichtig sein und nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Vogel verringerte sein Tempo ebenfalls, und der Schatten vergrößerte sich. Das Monster näherte sich aus der Luft … Eamon blickte in den Seitenspiegel, der nach oben gerichtet war, und entdeckte das Wesen. Eine Art Adler mit enormer Flügelspannweite, ganz aus Eisen gemacht, aber agil wie aus Fleisch und Muskelfasern. Er flog vielleicht drei, vier Meter über ihm. Wenig für einen Vogel dieser Größe. Eamon raste weiter, wobei er mit einem Auge die Straße und mit dem anderen den Eisenadler beobachtete. Flieg schon weiter, dachte er. Gegen den Adler hätte er nicht den Hauch einer Chance.

Da stieß der Vogel herab –

KRA-ACK.

Krallen rammten das Dach des Petromobils. Der Wagen geriet ins Schleudern. Eamon hielt das Lenkrad gepackt und hieb den Fuß aufs Pedal. Der Motor wimmerte, doch nichts geschah – die Reifen hatten die Bodenhaftung verloren. Der Wagen schwebte in die Höhe. Im Spiegel sah Eamon den Eisenadler mit den Schwingen schlagen. Die Straße glitt seitlich davon und die Kiefern kamen auf ihn zu. Eamon fasste nach dem Türgriff; der Vogel flog noch nicht zu hoch, er würde springen und dann eine Tunnelmurmel nach Molitor benutzen, bevor Schlimmeres geschehen konnte. Er zog an dem Griff, hörte das Klicken und wollte gerade die Tür aufstoßen, als der Adler den Wagen losließ. Er kippte – Eamon flog gegen den Beifahrersitz – das Petromobil stürzte in die Tiefe –

WUMMS.

Eamon spürte, wie der Wagen auf den Boden krachte; sein Kopf schlug gegen die Armatur, er hörte ein Zischen, dann wurde es still. Benommen richtete er sich auf. Er sah lila Wasserdampf, der aus der offenen Motorhaube quoll. Die Maschine lief nicht mehr. Ein rotes Lämpchen blinkte neben einem Schild mit der Aufschrift: „Reparatur unverzichtbar.“

„Scheiße“, flüsterte Eamon.

Der Seitenspiegel war komplett geborsten. Eamon fühlte etwas Heißes am Ohr und ertastete es mit der Hand.

Blut.

Sag dein Safeword, durchzuckte es ihn. Er verscheuchte den Gedanken; wer etwas von sich hielt, loggte sich nicht bei jeder Kleinigkeit aus. Der Wagen lag an einer Kiefer, die Fahrertür war leicht eingedellt. Eamon zog sich auf den Beifahrersitz und spähte durch die gesplitterte Fensterscheibe in den Wald. Keine Spur von dem Eisenadler. Ob Pepe ihm ein Petromobil mit defektem Schutzschild vermietet hatte? Eamon suchte den von Nadeln übersäten Waldboden nach weiteren Monstern ab, während er aus der Hosentasche einen Stapel Karten kramte. Seine Hände zitterten, die Zitronentartes aber lagen ganz oben, so dass er nicht lange nach ihnen suchen musste. Er schnipste gegen eine der Karten, worauf sie sich in das abgebildete Küchlein verwandelte, und verspeiste es mit einem Bissen. Sofort verklangen die Schmerzen, sein Blick schärfte sich und das Schwindelgefühl hörte auf. Eamon steckte die Karten ein und wog die Optionen ab.

Vernünftig wäre, sich auszuloggen.

Fast genauso vernünftig wäre, mit einer Tunnelmurmel nach Molitor zu reisen; dazu müsste er zwar auch aussteigen, aber er wäre binnen Sekunden fort.

Völlig verrückt wäre es, zu kämpfen. Aber wenn er den Eisenadler besiegte, würde er bestimmt endlich Level 25 erreichen und ein seltenes Item abstauben.

Unsinn, den erledigst du niemals, dachte er und lächelte über sich selbst. Nimm eine Tunnelmurmel. Er griff wieder nach dem Kartenstapel, als ihn ein lautes Knirschen zusammenzucken ließ. Die Beifahrertür dellte sich ein, als hätte ein Wagen sie gerammt – dann wurde sie mit roher Gewalt aus der Verankerung gerissen. Sie flog in den Wald, knallte gegen einen Baumstamm und fiel zu Boden.

Mit stockendem Herzen sah Eamon zu, wie sich die Blechtür unter der Kiefer wie von Geisterhand zu einem Klumpen zusammenknüllte. Niemand war zu sehen; er war immer noch allein. Eamon hatte gerade noch Zeit, zu begreifen, dass etwas Ungutes im Gange war, als ihn eine unsichtbare Kraft an den Schultern packte und aus dem Petromobil riss. Er überschlug sich kopfüber, rollte über den Boden und kam auf dem Rücken zum Liegen. Eilig rappelte er sich auf.

Irgendetwas … passierte hier.

Mit routinierten Handbewegungen zog er zwei Federn aus dem Stirnband und ließ sie durch die Luft peitschen. Sie erstrahlten in weißem Licht und verwandelten sich in zwei Messer, die sicher in seinen Händen lagen. Eamon holte mit einem Messer aus und warf es in die Erde, bevor er eine dritte Feder zog. Er hielt sie waagrecht und wischte mit ihr im Halbkreis durch die Luft; wieder glühte die Feder, und das Leuchten hüllte ihn in eine zart schimmernde Seifenblasenhaut. Kein Schild, der ihm schwere Angriffe lange vom Hals halten würde. Aber immer noch besser als nichts.

Eamon zog das Messer aus dem Boden; jetzt, wo alle Vorbereitungen getroffen waren, fühlte er sich etwas besser – obwohl er wusste, dass seine Messer gegen ein Level-50-Monster wie ein Nadelpiksen in die Haut eines Elefanten sein würden. Er sah sich um. Der lichte Kiefernwald lag harmlos da, kein Vogel gab einen Laut. Was hatte ihn aus dem Petromobil gezerrt? Ein Nubbun? Etwas sagte ihm, dass mit dem Schild des Petromobils alles in Ordnung gewesen war. Also steckte vielleicht ein Spieler hinter all dem. Wer konnte Menschen und Gegenstände mit Gedankenkraft bewegen und Nubbun unter seine Kontrolle bringen, so dass sie geschützte Petromobile attackierten? Eamon rief sich ins Gedächtnis, was er über die fünf anderen Klassen wusste. Das war fast nichts, vor allem nicht über die Alchemisten, die es eh nur sehr selten gab. Aber hatte er nicht mal etwas in diese Richtung über Okkultisten gelesen?

Er wollte es zu gern wissen, rief sich aber zur Vernunft. Weg hier. Weil sich weiter nichts tat, suchte er sich eine Karte, die eine goldene Kugel von der Größe eines Golfballs abbildete, und schnipste sie an. Als er die Tunnelmurmel in der Hand hielt, ließ er sie zu Boden fallen, wo sie klirrend zersprang. Aus ihren Scherben wuchs ein Laternenmast empor, mit einem kleinen gläsernen Lampenhäuschen an der Spitze, von dem eine Schnur herabhing. Eamon griff nach der Schnur, zögerte einen Moment (das ergab alles keinen Sinn – warum sollte der Eisenadler – egal) und zog an ihr. Klick. Um ihn herum wurde es finster. Wenn er jetzt noch einmal an der Schnur zog, würde er im sonnigen Molitor sein und zu Yves gehen, um ihm hiervon zu erzählen. Er zog.

Klick.

„Was zur Hölle …“

Das Tageslicht kehrte zurück – doch das war nicht Molitor. Er stand immer noch im Kiefernwald.

Aber nicht mehr allein.

An der Laterne vorbei, die zu Sand zerbröselte und zwischen die braunen Nadeln fiel, sah Eamon ein langes, schauriges Wesen durch die Bäume wanken. Eine Art Hirsch. Sein Körper war so beunruhigend schwarz, dass Eamon das Gefühl hatte, in ein Loch zu blicken. Das Geweih der Kreatur leuchtete wie die Glut eines erlöschenden Feuers, und ihre Beine, diese meterlangen Akkordeonbeine, hatten jeweils sechs Knie, auf denen der Hirsch bei jedem Schritt wippte.

Es hatte nicht geklappt – er konnte nicht abhauen.

Das konnte nicht sein.

Der Hirsch erblickte ihn mit seinen roten Schlitzaugen, stieß einen blechernen Laut aus und preschte los. Ein Sprung und er stand unmittelbar vor Eamon, seine Vorderbeine falteten sich zusammen, der riesige schwarze Kopf fiel auf ihn herab. Eamons Seifenblasenschild leuchtete auf und zerplatzte, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Eamon stach mit dem Messer zu, das ihm auf einmal viel zu klein vorkam. Die Klinge rutschte an dem schwarzen Kopf ab. Jetzt fühlte er das Geweih unter den Achseln; der Hirsch ruckte mit dem Kopf – und Eamon wurde von den Füßen gerissen. Er sauste durch die Luft. Der Boden rammte sich ihm unter die Schulterblätter. Er überschlug sich halsbrecherisch – und kam auf dem Rücken zum Liegen. Mit dröhnendem Kopf richtete er sich auf und sah zurück. Er stöhnte. Scheiße.

Der Hirsch hatte kehrtgemacht und galoppierte auf ihn zu. Eamon sah ein, dass es keinen Sinn hatte; er würde sich ausloggen, eine Stunde warten, eine neue Blaue Pille nehmen und sich für heute Nacht einen anderen Spielplatz aussuchen. „Homecoming“, presste er hervor. Ein stechender Schmerz im linken Brustkorb raubte ihm die Luft.

Nichts geschah.

Der Hirsch hatte ihn fast erreicht.

„Homecoming“, rief Eamon. Das war deutlich genug gewesen – der Boden müsste sich öffnen und ihn in die Realität zurücksaugen – er müsste längst in seinem Bett liegen. Der Hirsch bäumte sich über ihm auf …

„HOMECOMING!“

In letzter Sekunde rollte sich Eamon zur Seite. Die Hufe des Hirschs rammten neben ihm den Boden; hätten sie ihn getroffen, hätten sie ihm den Brustkorb zerstampft. Eamon hielt den Schmerz aus (vermutlich eine gebrochene Rippe), sprang auf die Füße und rannte ein paar Schritte, bevor er sich wieder zu dem Hirsch umdrehte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er die Messer aus den Händen verloren hatte.

„Homecoming!“, rief er. Nichts.

Er dachte an Ted.

Hastig pflückte er eine weitere Feder aus dem Stirnband und bog sie mit Händen zu einer Mondsichel. Die Feder glühte und verwandelte sich in einen Holzbogen. Eamon nahm ihn zur Hand und zog die Sehne mit dem Zeigefinger bis zum Mundwinkel. Als er zischend Luft durch die Zähne stieß, erhob sich ein blauer Funkenwirbel, der sich zu einem Pfeil verdichtete. Eamon zielte auf die breite Brust des Monsters und schoss den Pfeil ab, der durch die Luft zischte, einen Volltreffer landete – und abprallte, als wäre er auf Metall gestoßen. Panische Verzweiflung überkam Eamon; er riss an der Sehne, schoss, traf. Kein Kratzer.

Der Hirsch stieß wieder diesen grauenhaften Laut aus, der wie eine Gabel klang, die über Keramik rutschte. Er neigte den Kopf, so dass sein Geweih auf Eamon zeigte. Entschlossen zog dieser an der Sehne, als etwas Unbegreifliches geschah: Die spitzen Enden des Gehörns wuchsen explosionsartig in die Länge – und schossen wie Speere auf ihn zu. Sechs oder sieben Spitzen trafen Eamon frontal und warfen ihn zu Boden. Sie durchbohrten seine Brust, seine Arme und Beine, durchdrangen sein Fleisch und seine Knochen wie weiche Butter und stachen unter ihm in die Erde.

Eamon versagte der Atem.

Ich bin tot, dachte er.

Der Hirsch warf sein verlängertes Geweih ab, drehte sich weg und trabte in aller Ruhe davon. Eamon sah ihn zwischen den Bäumen immer kleiner werden.

Das Blut zog sich aus seinem Kopf zurück; feiner Niesel unter der Haut. Dunkelheit drängte ihm ins Gesichtsfeld, bis er den Wald nur noch wie durch ein Nadelöhr wahrnahm. Er dachte daran, wie er Ted durch das Schlüsselloch gesehen hatte. Den armen, schreienden Ted. Bei ihm hatte es auch so begonnen. Erst konnte er sich nicht mehr ausloggen, dann folterte ihn der Alchemist um den Verstand.

Bevor ihn die Dunkelheit schluckte, sah Eamon jemanden hinter einer Kiefer hervortreten. Ein still beobachtender Mann, nur ein dunkler Fleck, wie geronnenes Blut. Er hat auf mich gewartet, dachte Eamon.

Es war sein letzter Gedanke.

Weiter zu Kapitel Zwei.

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